Aktualisiert April 2026 8 Min. Lesezeit

Dein Anschreiben hat funktioniert, du wirst eingeladen. Glückwunsch – jetzt kommt der Teil, der die Bewerbung von 12 anderen Eingeladenen unterscheiden muss: das WG-Casting.

Was dich erwartet, was wirklich gefragt wird, welche Fragen du stellen solltest und wo die meisten Bewerber unnötig stolpern.

Was ein WG-Casting eigentlich ist

Im Kern: Ein Kennenlerngespräch von 15 bis 45 Minuten. In Großstädten oft als Gruppen-Casting mit mehreren Bewerbern hintereinander, manchmal sogar als Speed-Dating-Format. Mit echten Vorstellungsgesprächen hat das nichts zu tun – auch wenn manche WGs es so inszenieren.

Was wirklich gewertet wird:

  • Passt die Person menschlich?
  • Wirkt sie verlässlich (Miete, Putzen, Termine)?
  • Bringt sie offene Konfliktbereitschaft mit oder ist sie passiv-aggressiv?
  • Gibt es No-Gos (Geräusche, Lebensstil, Hygiene)?

Was nicht gewertet wird (egal wie sehr es so aussieht):

  • Ob du jeden Witz triffst.
  • Ob du beeindruckende Hobbys hast.
  • Ob deine Karriere klingt wie ein LinkedIn-Profil.

Die Fragen, die fast immer kommen

Nach Auswertung gängiger Ratgeber (myStipendium, StudySmarter, Studis Online, wg-gesucht) und Erfahrungsberichten lassen sich die typischen Fragen so gruppieren:

Lebensstil:

  • Wie sieht dein Tagesablauf aus?
  • Bist du eher Frühaufsteher oder Nachteule?
  • Wie oft hast du Übernachtungsbesuch?
  • Kochst du? Was?
  • Vegetarisch, vegan, omnivor – und wie wichtig ist dir das bei anderen?

Wohnverhalten:

  • Putzplan – fühlst du dich damit wohl oder lieber spontane Absprache?
  • Wie laut/leise wird es bei dir abends?
  • Rauchst du? Wenn ja, drinnen, draußen, gar nicht?
  • Haustiere – jetzt oder geplant?

WG-Erfahrung & Persönlichkeit:

  • Hast du schon mal in einer WG gewohnt? Was war gut, was nicht?
  • Wie gehst du mit Konflikten um?
  • Warum WG und nicht eigene Wohnung?

Hardfacts:

  • Wie lange willst du bleiben?
  • Wie sicher ist dein Einkommen / deine Studienfinanzierung?
  • Kannst du Schufa und Einkommensnachweis vorlegen? (Mehr dazu im Schufa-Leitfaden.)

Die Trickfragen:

  • „Beschreib dich in drei Worten" – sag etwas Konkretes („pünktlich, direkt, kocht zu viel"), nicht „nett, lustig, offen".
  • „Was nervt dich an Mitbewohnern am meisten?" – sei ehrlich, aber milde („wenn Geschirr drei Tage stehen bleibt"), nicht aggressiv.
  • „Warum sollten wir dich nehmen?" – nicht: „Weil ich super bin." Lieber: „Weil ich verlässlich Miete zahle und beim WG-Abend nicht früh ins Bett gehe."

Was du selbst fragen solltest

Hier patzen die meisten. Ein Casting ist keine Einbahnstraße – wer keine Fragen stellt, wirkt entweder desinteressiert oder verzweifelt. Beides ist schlecht.

Die acht Fragen, die du immer stellen kannst:

  1. Wie kam das Zimmer frei? (Auszug, Streit, Wechsel? Sagt viel über die WG-Stimmung.)
  2. Wie läuft das mit Putzen / Putzplan / Reinigungskraft?
  3. Wie ist die Nebenkosten-Abrechnung organisiert? Wer zahlt was? (Strom, Internet, Streamingdienste, Putzmittel.)
  4. Gibt es feste WG-Abende, Frühstücke, gemeinsames Kochen?
  5. Wie ist das mit Übernachtungsbesuch? (Beziehung, Eltern, Freundeskreis – was gilt als selbstverständlich, was nicht?)
  6. Wie wird der Mietvertrag aussehen? Eigener Mietvertrag mit Hauptvermieter, Untermietvertrag mit Hauptmieter, oder gemeinsamer Vertrag aller Mitbewohner? Das hat handfeste rechtliche Folgen (siehe Mieterbund-Hinweise).
  7. Wie läuft die Anmeldung? Wenn der Hauptmieter zögert oder gar verweigert – sofortiges Warnsignal.
  8. Was wäre der absolute No-Go-Mitbewohner für euch?

Die letzten beiden sind besonders wichtig. Wer dir die Anmeldung verweigert, bricht das Bundesmeldegesetz und macht sich potenziell schadensersatzpflichtig. Das sollte ein hartes Ausschlusskriterium sein.

Körpersprache und Tonalität

Drei einfache Sachen, die mehr ausmachen als jede gute Antwort:

  • Augenkontakt mit allen Bewohnern, nicht nur mit der Person, die spricht. Eine WG entscheidet kollektiv – wer immer nur auf einen schaut, ignoriert den Rest.
  • Hinsetzen, wo angeboten. Nicht stehen bleiben, nicht zögern. Du bist Gast, kein Bittsteller.
  • Smartphone weg. Nicht aufs Sofa legen, nicht „kurz checken". Das wirkt unverschämt.

Was du nicht mitbringen solltest:

  • Bestechungsgeschenke wie Wein, Pralinen, Blumen. Wirkt wie Bewerbungs-Bestechung. Komplett unüblich in deutschen WG-Castings.
  • Eltern. Auch wenn du 18 bist und Mama dich gefahren hat – sie wartet im Auto.
  • Hund. Ohne vorherige Absprache nicht. Auch bei „wir sind sehr tierlieb".

Die häufigsten Stolperfallen

1. Über sich selbst monologisieren

Drei Sätze auf jede Frage, dann Punkt. Wer fünf Minuten am Stück über sich erzählt, signalisiert: Ich bin schwer zu unterbrechen. Das wollen Mitbewohner nicht jeden Morgen am Frühstückstisch.

2. Nicht zuhören

Wenn die WG sagt „Wir sind eher die ruhige Sorte", und du als Antwort begeistert von deinen Wohnzimmer-Partys erzählst, hast du verloren.

3. Verzweifelt wirken

„Ich brauche dringend …", „Ich suche schon seit Wochen …", „Es wäre wirklich super wichtig, dass ihr …" – auch verständlich, auch tödlich. WGs nehmen niemanden aus Mitleid, sondern weil sie das Gefühl haben, Glück zu haben mit dir.

4. Fragen vergessen

Wer am Ende auf „Hast du noch Fragen?" mit „Nein, eigentlich nicht" antwortet, fliegt raus. Stell mindestens zwei (siehe Liste oben).

5. Lügen über WG-Erfahrung

„Ich war drei Jahre in einer 4er-WG" – wenn du es nicht warst, fällt das spätestens beim Putzplan auf. Lieber ehrlich: „Es wäre meine erste WG, aber ich weiß, was auf mich zukommt, weil meine Freundinnen mir oft erzählt haben."

Online-Castings: Zoom, Teams, Google Meet

Seit 2020 normal, in 2026 fester Standard – besonders wenn du noch nicht in der Stadt wohnst.

Was vorbereiten:

  • Hintergrund: Aufgeräumter Raum, kein Bett im Bild, kein Wäscheständer. Kein Zoom-Filter mit Tropenstrand.
  • Licht: Vor dir, nicht hinter dir. Klassiker: Fenster im Rücken = du bist eine Silhouette.
  • Kamera auf Augenhöhe. Laptop auf Bücherstapel.
  • Headset oder gute Kopfhörer mit Mikro. Eingebautes Laptop-Mikro klingt nach Behörden-Hotline.
  • Ruhige Umgebung. Familie, Mitbewohner, Lieferdienste vorher informieren.
  • Stabiles Internet. Wenn unsicher, Ethernet-Kabel.

Während des Calls:

  • 5 Minuten vorher einloggen, Technik testen.
  • Beim Sprechen direkt in die Kamera schauen, nicht auf den Bildschirm.
  • Wenn jemand spricht, kurz nicken – sonst weiß die WG nicht, ob du eingefroren bist.
  • Mikrofon stumm, wenn du längere Zeit nichts sagst und im Hintergrund Geräusche sind.

Online-Castings dauern oft kürzer als reale (15–25 Minuten). Du hast also weniger Zeit für Persönlichkeit – nutz die ersten zwei Minuten, um wirklich da zu sein und nicht in den nervösen Selbstvorstellungs-Singsang zu fallen.

Nach dem Casting

  • Bedanken, kurz, ehrlich. Eine knappe WhatsApp oder Mail am Tag danach: „Hat mir Spaß gemacht euch kennenzulernen, würde mich freuen." Mehr nicht.
  • Nicht nachhaken alle 24 Stunden. Eine Nachfrage nach 4–5 Tagen ist ok.
  • Parallel weitersuchen. Auch wenn du das Gefühl hattest, es lief perfekt. Mehr dazu in unserem Leitfaden zum WG schnell finden.
  • Bei Absage nicht streiten. Höflich „danke für die Rückmeldung" und weiter. Stadt und Branche sind kleiner, als sie wirken.

Red Flags von der anderen Seite

Manche WGs sind keinen Vertrag wert – egal wie nett sie wirken. Pass auf, wenn:

  • Die WG kein Trinkwasser anbietet und gleichzeitig 30 Minuten Smalltalk macht (kleine Höflichkeit, sagt viel).
  • Bewohner sich vor dir streiten oder ironische Seitenhiebe austauschen.
  • Du beim Rundgang das Bad oder Küche nicht sehen darfst.
  • Die Anmeldung „kompliziert" ist oder du sie „später" klären sollst.
  • Hauptmieter Bargeld für die Kaution verlangt.
  • Es heißt, du müsstest „erst mal Probewohnen" und dabei die volle Miete zahlen ohne schriftlichen Vertrag.

Mehr zu strukturellen Betrugsmustern in unserem Artikel zu WG-Betrug. Und auf der Stadt-Seite Hamburg findest du Bezirksinfos, mit denen du beim Casting auch geografische Kompetenz beweist – „Eppendorf? Da bin ich auch oft beim Isemarkt" wirkt sympathischer als „äh, irgendwo bei Hamburg".

Letzter Tipp

Sei vorbereitet, aber nicht auswendig gelernt. Das beste Casting fühlt sich am Ende für beide Seiten wie ein Gespräch beim Bier an, nicht wie ein Vorstellungstermin. Wenn dir das gelingt, hast du gewonnen – auch wenn es am Ende nicht klappt.


Data flags

  • Typische Castingfragen-Liste basiert auf mehreren Ratgebern, keine empirische Erhebung. Als „häufig genannt" formulieren.
  • Anmeldungspflicht (BMG) ist gesetzlich, Schadensersatzpflicht des Wohnungsgebers bei Verweigerung sollte vor Veröffentlichung mit konkretem Mieterbund-Beleg verlinkt werden.
  • Online-Casting-Anteil 2026: aus Beobachtung, keine Statistik. Im Text als „seit 2020 fester Standard" formuliert.

Suggested visuals

  • Foto: Aufgeräumtes WG-Wohnzimmer als Casting-Setting (warmes Licht, Sofa).
  • Checkliste-Grafik „Vor dem Online-Casting: Hintergrund, Licht, Mikro, Internet" zum Speichern.
  • Tabelle „Diese 8 Fragen solltest du immer stellen" als Pinnable.
  • Illustration „Red Flags beim Casting" als Symbol-Set (rote Fahnen mit Stichworten).

Quellen

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